Vorstellung der Konzeption der asymmterischen Bratsche
Autor: Gerhard Klier, Geigenbaumeister (und Amateurmusiker)
Charakteristik / Instrumentenbeschreibung Viola asymmetrisch Model aK
Bei der Entwicklung des asymmetrischen Viola-Modells handelt es sich um eine Formveränderung des Instruments auf der Grundlage einer originären geometrischen Neukonstruktion in Verbindung mit dem Design des in klassischen Proportionen (Goldener Schnitt) gestalteten eigenen Modells B, um eine Verbesserung/Erleichterung der Spielbarkeit als auch der Vervollkommnung des charakteristischen sonoren Bratschenklangs zu erreichen.
KONSTRUKTION / MODELL
Das asymmetrische Viola-Modell basiert auf der Flächenform eines Rhomboids (nichtsymmetrisches, ungleichseitiges, schiefwinkeliges Parallelogramm) mit einer darauf diagonal angeordneten Mensurachse Hals-Steg-(Untersattel)-Knopf, die in der Regel mit dem Fugenverlauf der Deckenplatte identisch ist, wobei die Umrisslinie nicht die Savart’sche eckige Form des Trapez beibehält, sondern nach dem „klassischen“ Linienverlauf gestaltet wurde - und zwar in Anlehnung an das eigene Bratschenmodell B, einer Konstruktion auf der Grundlage der geometrischen Regeln für die Teilung der Böhmischen Elle aus dem 14. Jahrhundert nach Überlieferungen von Dr. A. Honěk, Prag sowie dem bekannten Proportionsregeln des Goldenen Schnitts. Kumuliert erlaubt die Form des Rhomboids mit der diagonal angeordneten Mensurachse eine Verkürzung der Korpuslänge um bis zu 18 mm, während die (Schwingungs-)Fläche der Resonanzplatten (Decke, Boden) und das Volumen des Korpus gleich groß geblieben sind, ja sogar in ihrer Funktionalität noch erweitert werden konnten. – Nach der Lösung des geometrisch-konstruktiven Teils der Aufgabe, war es überaus schwierig eine ansprechende äußere Form (Umrisslinien) gemäß der Rhomboidform zu entwerfen. Fantasie und Kreativität finden nämlich dort schnell ihre Grenzen, wo der traditionell konservativ geprägte Musiker sich einer solchen Neugestaltung verweigert. Am Ende gelang stilistisch doch ein nahezu ̧klassischՙ anmutendes Äußeres, indem das bereits o. g. Modell B nicht in Gänze, sondern nur in Teilen auf das Rhomboid sozusagen „adaptiert“ wurde. Wichtige Inspiration und eine große Ermutigung der praktischen Umsetzung der Idee war hier in besonderer Weise Friedensreich Hundertwassers Ästhetik der ungraden Linie und der Asymmetrie sowie Jürgen von Stietencrons Theorie von der „Innenraum-Konstruktion“ der Geige.
KOPF, HALS und GRIFFBRETT
Der Kopf mit Schnecke ist gegen den klassischen proportionalen Regeln bewusst geringfügig kleiner, zierlicher gehalten, um so das Gewicht des Halses so weit wie möglich zu reduzieren. Dem gleichen Zweck dient das mit einer Ahornunterlage versehene sehr dünne Ebenholzgriffbrett als auch der sehr schlanke geigenmaßähnliche Griff, bei dem es außerdem möglich ist, bequemer eine virtuose Spieltechnik zu entfalten.
TECHNISCH-TECHNOLOGISCHE LÖSUNG
Bei der Anfertigung des Korpus und beim Einsatz des Halses mussten neue Verfahren entwickelt werden. So hätte etwa die übliche Methode den Zargenkranz in einer ganzen Form (Formbrett) anzufertigen nur unter Verlust der vorteilhaften Flexibilität des asymmetrischen Systems angewendet werden können. Es wurden deshalb die zwei unterschiedlichen Teile des Zargenkranzes auch in zwei verschiedenen Formen angefertigt und mit den „abgestuften“ Ober- und Unterklotz mit Hilfe zusätzlicher Teilformen/Zulagen an der Mensurachse verpasst und zusammengeleimt. Auch beim Einsetzen des Halses war es nur mit mehreren neuen Vorrichtungen möglich auf beiden Seiten des Halseinlasses die gleiche Höhe zu schaffen und damit eine sichere Verleimung des Halses mit dem Korpus zu gewährleisten. Lediglich eine Frage des Designs war dagegen die Gestaltung der Einlage im Bereich der Klötze, wo die Einlagegräben ja nicht in einer Linie zusammenlaufen, sondern wiederum abgestuft auf die Mensurachse treffen. Die optische Verbindung wurde durch Einsetzen einer stilisierten Raute zwischen die beiden Enden des Einlegespans erreicht (s. Skizzen, Zeichnungen).
ERGEBNIS / BESONDERHEITEN
Insgesamt erweist sich das Konzept der asymmetrischen Konstruktion des Viola-Modells in Kombination mit der Gewichtsverringerung des Halses als sehr vorteilhaft für die Spielbarkeit, zugleich fördert es den erwünschten sonoren Bratschenklang in beachtlicher Weise. Besonders sind hier zu nennen:
Die verbesserte Spielbarkeit durch die verkürzte Korpuslänge – die linke Hand des Spielers hat zum Griff in die erste Lage eine kürzere Strecke zu bewältigen, d. h. der Arm muss weniger stark gestreckt werden und ist daher in geringerem Maße belastet.
Der rechte oberer Teil des Korpus wird durch die diagonale Anordnung der Mensurachse kleiner, der gerundete Rand im Verlauf flacher, was das Greifen in höheren Lagen spürbar erleichtert.
Die relativ zu der Länge des Korpus insgesamt breiteren Maße des Instruments ergeben bei entsprechender Platzierung des Bassbalkens einen weichen, sonoren Bratschenklang mit einer ausgesprochen klangvollen C-Saite.
SCHLUSSANMERKUNG
Bereits bei der Entwicklung des Konstruktionsprinzips für eine asymmetrische Bratsche konnte ich binnen kurzem feststellen, wie außerordentlich variabel und „anwendungsfreundlich“ in weiten Bereichen des Bratschenbaus dieses System sei. Modelle in sehr unterschiedlichen Größen (Mensuren) sind einfach zu konzipieren, und ein breiteres Spektrum an Klangfarben bereichert den erwünschten vielfältigen Bratschenton.
Modifikation des asymmetrischen Modells – der Quinton
Aus der historischen Entwicklung der Streichinstrumente kennen wir etliche Schöpfungen mit fünf Saiten. Bei der Viola sind es in den relevanten Fällen im Grunde nur Modifikationen des 4-saitigen Ursprungsmodells.
Bemerkenswert bei nahezu allen Abänderungen des Violamodells ist die Tatsache, dass Impulse dazu meist von bedeutenden Musikern gekommen sind. (So auch in den vereinzelt vorgekommenen Umwandlungen von der 4-saitigen in eine 5-saitige Viola.) Wir erinnern uns an Bachs »Viola pomposa«, an Paganinis »Grand viola« oder an Ritters »Viola alta«. Über die Frage, warum diese 5-saitigen Altinstrumente entwickelt wurden, wer sie wo einsetzte und welche Musik damit interpretiert wurde, müsste noch gründlicher recherchiert werden – um daraus folgend theoretisch wie auch praktisch verwendbare Erkenntnisse zu schöpfen.
Zunächst war mir jedoch die Existenz solcher Exemplare Motivation genug, ein 5-saitiges Violamodell auf der Grundlage des asymmetrischen Konstruktionssystems zu entwickeln und schließlich auch anzufertigen.
Angefeuert wurde ich zu diesen Vorhaben durch befreundete, Quinton spielende tschechische Musiker, von denen ich erfuhr, dass die Verwendung des Fünfsaiters in einigen böhmischen bzw. tschechischen Orchestern bis in die Gegenwart keine Seltenheit sei. Auch als Soloinstrument erfuhr die fünfsaitige Viola sogar noch im 20. Jh. eine gewisse Renaissance: Auf hohem Niveau trugen z. B. die Brüder Casadesus, Henri-Gustave C. (1879-1947; Bratschist und Viola d'amore-Virtuose) sowie Marius C. (1892-1981; Violinist und Quinton-Virtuose) dazu bei, das Image der Viola und des Quintons in ihrer Zeit insgesamt zu verbessern.
Ziel und Zweck meines Experiments war, an Hand der 5-saitigen Viola zu ermitteln, ob mit dem neuen System bei erweiterten Anforderungen oder auch anders gearteten Voraussetzungen eine akzeptable Lösung gelingen könnte.
Bislang wurden fünf Quinton (Violen mit einer zusätzlichen Saite, nämlich der e²) in verschiedenen Korpuslängen mit entsprechenden Mensuren angefertigt, die zum Teil auch als sogenannte Barockviolen konzipiert und montiert wurden – d. h. mit Darmsaiten bezogen, einem sehr leichten Saitenhalter und ebensolchem Barocksteg bestückt. Bei einzelnen Exemplaren können die Eigenschaften etwa folgendermaßen charakterisiert werden:
Neben den Vorzügen der asymmetrischen Viola Modell aK (bessere Spielbarkeit durch die verkürzte Korpuslänge und das erleichterte Greifen in höheren Lagen) wird der Klang der 5-saitigen Viola über den bei diesem Modell erwünschten sonoren Bratschenklang hinaus im Gesamtklangspektrum durch die hinzugekommene E-Saite bemerkenswert vorteilhaft beeinflusst. Diese „Quinte“, wie Johann Sebastian Bach sie nannte, klingt weich und silbern dunkel, trotzdem klar, keineswegs aber wie ein Violin-E. Im Gegenteil, sie hört sich angenehm „bratschig“ an und lässt durch ihr permanentes Mitschwingen viel mehr als nur die A-Saite erhellen oder sogar erstrahlen, so dass es zumeist zu einem spannenden klanglichen Synergieeffekt von Bratsche und Geige kommt. Je nach Größe des Korpus (mit entsprechender Saiten-Mensur) sind unterschiedliche Nuancen im Bereich des Klangfarbenspektrums zu erzielen – eine weitere Möglichkeit der aktiven Klangfarben-Ausrichtung.
Eine allgemein gültige Bewertung des asymmetrischen Quintons ist noch sehr schwierig, denn speziell zu den Eigenschaften, die über die Vorteile des asymmetrischen Grundmodells hinausgehen, können wegen der geringen Zahl und der sehr individuellen Konzeption der einzelnen angefertigten Exemplaren kaum endgültige Aussagen gemacht werden.
5-saitige Viola „Quinton“ asymmetrisch Modell aK
Modifikation auf Grundlage der Viola asymmetrisch Modell aK
Deutscher Musikinstrumentenpreis 2006 für Bratsche
Aus der historischen Entwicklung der Streichinstrumente kennen wir etliche Schöpfungen mit fünf Saiten. Bei der Viola sind es in den relevanten Fällen im Grunde nur Modifikationen des 4-saitigen Ursprungsmodells.
Bemerkenswert bei nahezu allen Abänderungen des Violamodells ist die Tatsache, dass Impulse dazu zumeist von bedeutenden Musikern gekommen sind. So auch in den Umwandlungen von der 4- in eine 5-saitige Viola. Wir erinnern an Bachs »Viola Pomposa«, an Paganinis »Grand Viola« oder an Ritters »Viola alta«. Warum 5-saitige Altinstrumente, in Sonderheit Violen entwickelt worden sind, müsste noch genauer recherchiert werden.
Zunächst war mir jedoch die Existenz solcher Exemplare Motivation genug, um ein 5-saitiges Violamodell auf der Grundlage des asymmetrischen Konstruktionssystems zu entwickeln und anzufertigen.
Ermuntert wurde ich dazu durch befreundete, Quintonspiel praktizierende tschechische Musiker, die mir die aktuelle Verwendung des Fünfsaiters in einigen tschechischen Orchestern bejahten. Auch als Soloinstrument erfuhr die fünfsaitige Viola im 20. Jh. nochmals eine beachtliche Renaissance: Auf hohem Niveau trugen die Brüder Casadesus, Henri-Gustave C. (1879-1947), Viola d'amore-Virtuose und Bratschist sowie Marius C. (1892-1981), Violinist und Quinton-Virtuose dazu bei, das Image der Viola zu berichtigen.
Neben den Vorzügen der asym. Viola Modell aK (bessere Spielbarkeit durch die verkürzte Korpuslänge und dem erleichterten Greifen in höheren Lagen) wird der Klang der 5-saitigen Viola über den bei diesem Modell erwünschten sonoren Bratschenklang hinaus im Gesamtklangspektrum durch die hinzugekommene E-Saite bemerkenswert vorteilhaft beeinflusst. Diese „Quinte“, wie Johann Sebastian Bach sie nannte, klingt weich und silbern dunkel, trotzdem klar, keineswegs aber wie ein Violin-E. Im Gegenteil, sie hört sich angenehm „bratschig“ an und lässt durch ihr permanentes Mitschwingen viel mehr als nur die A-Saite erhellen oder sogar erstrahlen, so dass es zumeist zu einem spannenden klanglichen Synergieeffekt von Bratsche und Geige kommt. Je nach Größe des Korpus (mit entsprechender Saiten-Mensur) sind unterschiedliche Nuancen im Bereich des Klangfarbenspektrums zu erzielen – eine weitere Möglichkeit der aktiven Klang-Farben-Ausrichtung.
Weitere Anwendungsbereiche des asymmetrischen Konstruktionssystems
Eine klangvolle Viola für das Kind?
Bis heute ist es so, dass Violaspielerinnen und Violaspieler als Kind fast immer zunächst Violine lernen und später dann zur Viola wechseln. Auf das Klischee von den minderbegabten Geigenspielern, die zu Bratschern gemacht werden, will ich hier nicht eingehen – umso mehr ist es angebracht, auf den Mangel von kindergerechten kleinen Violen hinzuweisen.
Bereits eine geraume Zeit wird beim Unterricht für Streicher, und hier ausdrücklich im Bezug auf die Viola – neben dem Lehrsatz des bedeutenden Würzburger Musikwissenschaftlers und Pädagogen Egon Saßmannshaus „Früher Anfang auf der Bratsche“ – die Forderung „Bratsche von Anfang an“ immer öfter gestellt, gleichsam eine konsequente Fortführung von Saßmannshaus‘ Gebot.
Der Hintergrund solcher Ansprüche, wie ich sie verstehe, ist wohl folgender: Weil es kaum geeignete und gut klingende kleine Bratschen gibt, beginnt der Unterricht fast immer zuerst auf einer kleinen Geige, die allenfalls mit Saiten in der Viola-Stimmung ausgerüstet wurde. Für die Musiklehrer und -Lehrerinnen wäre es jedoch wichtig, ein kleines Streichinstrument mit sonorer Klangfarbe verfügbar zu haben, um die Differenzierung zwischen der Sopranstimmlage einer Violine und der Altstimmlage einer Viola dem jeweiligen Schüler mit Neigung zum weicheren und dunkleren Klang in optimaler Weise darstellen zu können. Aus der Praxis wissen wir, dass es sehr junge Schüler/Spielanfänger gibt, bei denen eine ausgeprägte Aversion gegen sehr helle (schrille) Klänge festzustellen ist, die aber doch ein Streichinstrument spielen lernen möchten. Da sollte das Violoncello nicht die einzige Alter-native sein.
Kleine Violen anzufertigen ist jedoch für den Geigenbauer bei der Verwendung der herkömmlichen Muster eine noch größere Herausforderung als die schon beschriebene problembehaftete große Viola. Meine Motivation für die Konstruktion von kleinen Violamodellen entsprang aus der positiven Erfahrung mit der Entwicklung des asymmetrischen Grundmodells sowie den Modifikationen für Violen in normaler Größe. Die kleinen Violen sollten die gestellten Anforderungen an die Tonqualität, die sonore Klangfarbe, vor allem aber an eine gut klingende C-Saite hinreichend erfüllen – bei genau derselben leichten und bequemen Spielbarkeit wie etwa auf vergleichbaren kleinen Geigen.
Entworfen wurden bislang Modelle in drei Größen – Viola 3/4, Viola 1/2 und Viola 1/4. In mehreren Exemplaren konnten vor allem die 3/4-Größen angefertigt werden:
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Viola 3/4 asym. Modell aK (praxiserprobt): Korpuslänge 36,2 cm (Basismensur) zu 38,4 cm; Schwingende Saitenlänge: von 31,9 cm bis 32,8 cm variabel, d. h. Decken- und Halsmensur können vorab festgelegt werden. Insgesamt entsprechen die Maße einer großen 4/4-Violine.
Dieses Instrument ist idealerweise geeignet für Schüler und Schülerinnen im Alter zwischen 9 und 12 Jahren und kann bis zum Wechsel auf eine Bratsche der normalen Größe, etwa im 14. bis 16. Lebensjahr, verwendet werden. Es vermag hinsichtlich der Klangbeschaffenheit eine große Bratsche bis zu diesen Zeitpunkt weitgehend zu ersetzen. Mehr noch, die Klangqualität und das violatypische Klangfarbenspektrum sind bei diesem 3/4-Viola-Modell in einem Maße vorhanden, dass es als Zweitinstrument z. B. zum Unterricht und dergleichen ohne Weiteres verwendet werden kann. Alle von diesem Modell angefertigten Exemplare sind im „Einsatz“! -
Viola asym. in 1/4-Größe (Entwurf/Bauplan): Korpuslänge 28,4 cm (Basismensur) zu 29,5 cm; Schwingende Saitenlänge: 26,0 cm konstant; die Maße entsprechen in etwa einer 1/4-Violine. Dieses Modell wäre geeignet für Schüler im Alter von 6 Jahren oder darunter, bei denen eine Alternative zur Sopranstimme der Violine ermittelt werden soll. Die Anfertigung eines Prototyps dieses Modells ist erfolgt und im Einsatz.
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Viola 1/2 asym. Modell aK (Perspektiv-Entwurf/Bauplan erstellt): Korpuslänge 31,6 cm (Basismensur) zu 32,8 cm; Schwingende Saitenlänge: von 17,3 cm bis 18,0 cm variabel; die Maße entsprechen in etwa der Mensur einer 1/2-Violine. Dieses Modell ist geeignet für Schüler im Alter zwischen 6 und 9 Jahren und sollte durch die sonore Klangfarbe die vorhandene Neigung zur Altstimme fördern. Von diesem Modell ist noch kein Exemplar angefertigt worden.



